Ohne Krawatte ins Büro?

Artikel: SO! Die Neue Presse zum Sonntag, 10.06.2017

Stil-Frage: Top-Manager wie Daimler-Chef Dieter Zetsche treten heute in Jeans und Poloshirt auf. Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras kommt mit hochgekrempelten Ärmeln und offenem Hemd zum Termin. Und sogar in traditionellen Branchen wie Banken oder Versicherungen lassen Männer immer häufiger die Krawatte weg. Muss der eigene Stil überhaupt noch der Unternehmenskultur entsprechen?

Image-Expertin Eva Ruppert: Sobald zwei Menschen sich gegenseitig wahrnehmen, kommunizieren sie miteinander – und das gilt auch auf Distanz, wenn sie sich sehen und hören können. Das heißt, alles, was wir tun und nicht tun, und alles, was wir tragen und nicht tragen, hat sowohl Wirkung als auch Konsequenz.
Über die Aussage der Kleidung können Sie sich einer bestimmten Gruppe zuordnen. Es kann die Gruppe der Profis, der engagierten Mitarbeiter eines Teams sein. Es könnte aber auch die Gruppe der unmotivierten Kollegen sein, denen das Ganze, sprich Arbeit und Aufgaben (Erscheinungsbild ist hier die Projektionsfläche für die Aufgaben) eigentlich nicht besonders wichtig ist. Sorgen Sie selbst dafür, dass man Sie so wahrnimmt, wie es Ihrer sozialen und beruflichen Kompetenz und Position entspricht.
Wenn selbst Topmanager wie Dieter Zetsche leger auftreten, geschieht das nicht aus Gründen der Solidarität. Hier geht es nicht um das Herablassen in die Niederungen der Jeans-Massen, sondern gerade um das sich Emporheben aus der Anzug-Mittel- bis Oberklasse. Dass ein Top-Manager in seiner Position nicht befürchten muss, mit Menschen in T-Shirt gleichgemacht zu werden, muss man nicht betonen. Er tut dies, um aus der allgemeinen Horde der Manager herauszuragen.
Alexis Tsipras´ Botschaft, die sein Outfit übermitteln will, ist zu offensichtlich, um zu gelingen. Das offen getragene Hemd ohne Krawatte soll folgende Aussage transportieren: „Ich bin ein cooler Typ. Nicht einmal ein Grexit bringt mich aus der Fassung. Ich kremple einfach die Ärmel hoch und packe mit an.“
Und dass es mittlerweile en vogue zu sein scheint, dass Hinz und Kunz die Krawatte weglässt, sollte für jede innovative und erfolgsorientierte Geschäftsperson Grund genug sein, nicht ohne Krawatte aufzutreten. Dieser Trend bietet eine gute Gelegenheit, Souveränität und Unabhängigkeit zu demonstrieren und Anzug inklusive langärmligem Hemd und Krawatte aus Überzeugung und gutem Geschmack zu tragen.

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