Die neue Lässigkeit

 

Artikel: Neue Presse, 13. August 2014

Die neue Lässigkeit

Coburg – Wer noch vor 20 Jahren in Jeans und Polohemd ins gehobene Lokal ging, verstieß gegen die Etikette. So er denn überhaupt Einlass fand. Heute stellt legere Kleidung kein No Go mehr dar. „Die Menschen sollen kommen, genießen und Spaß haben und sich in ihrer Kleidung wohlfühlen, im Anzug wie in der Jeans“, erklärt Stefan Beiter, Sternekoch des Hotels Goldene Traube in Coburg, und ergänzt: „Ich selbst trage Jeans, wenn ich gut essen gehe und da dürfen sogar Löcher drin sein.“
„Die Löcher nähen wir mal lieber zu“, meint Augenzwinkernd Hotelier und Goldene-Traube-Geschäftsführer Bernd Glauben, der sich beim Besuch eines Lokals kleidet, wie es seiner Stimmung entspricht. Mal im Anzug, mal locker, im seltensten Fall mit Krawatte. „Gepflegt sollte es sein“, erklärt er, dann stellten für ihn selbst Bermudas oder Flipflops kein Problem dar. Oder Lederjacke, in denen vor kurzem zwei sehr bekannte Schauspieler in der Taube aufkreuzten. Kritische Blicke seien vom Personal nicht zu erwarten, für die anderen Gäste könne er aber nicht garantieren.
„Lässig, aber nicht nachlässig“, empfiehlt Eva Ruppert, Image-Beraterin aus Ebersdorf bei Coburg. Sportlich-legere Kleidung sei durchaus erlaubt, aber gepflegt soll sie sein. Manche Designer glitten aber in Extreme ab, wenn zum Beispiel von der Jeans viele Fäden weg hängen, sei Vorsicht geboten. Und wie geht die Image-Beraterin ins gute Restaurant? „Bereits mit der Auswahl eines schicken Outfits stimme ich mich auf den Anlass ein, es entsteht eine Art Vorfreude. Wenn ich in Straßenkleidung komme, tue ich mir selbst nichts Gutes.“ Aber nicht nur bei der Kleidung geht es weniger streng zu. Kritische Blicke erntete früher, wer sich mit den Fingern am Menü verging. Und heute? Zwei junge Frauen essen in der Traube und weil es ihnen so gut geschmeckt hat, malen sie aus dem Rest der Soße ein Herz auf den Teller und schicken es in die Küche. Beiter: „Da haben wir uns alle sehr gefreut.“ Locker gehe es auch in der Küche zu. Dass der Küchenchef mit steifer Haube über sein Refugium wacht, diese Zeit ist schon lang passe, erklärt der Gourmetkoch. Auch gebe es die klassische weiße Kochkleidung nicht mehr. Wichtig sei in erster Linie gepflegtes Auftreten, das gelte für Kleidung wie für Schuhe. Und noch etwas hat sich verändert: In der Küche rieselt leise Musik aus den Boxen, das wäre zuzeiten seiner Ausbildung nicht denkbar gewesen.
Wie sehr der Wandel vornehme Lokale erfasse, zeigt auch ein Blick auf die Erwartungen an die Kunden: „Früher war es schon so, dann man sechs bis sieben Gänge speiste“, erklärt Bernd Glauben. Heute könne man gerne auch nur zwei oder drei Gänge bestellen oder sich nur den Hauptgang schmecken lassen. „Die Leute dürfen gerne nur zum Probieren kommen.“
Und wie verhält es sich mit Kindern im Sterne-Lokal? „Wo ist das Problem“, sagt Barbara Glauben-Woy. Niemand müsse perfekt sitzen oder das Besteck perfekt halten, das gelte auch für Kinder. „Aber man sollte sich nicht unbedingt mit der Gabel am Kopf kratzen“, schränkt Bernd Glauben ein.
Veränderung auch bei der Weinwahl. Weißwein zum Fisch, Rotwein zu dunklem Fleisch und Käse – das sei überholt, sagt Glauben, der auch Präsident der Sommelier-Vereinigung ist. Schon aus diesem Grund, weil 60 Prozent der Käsesorten nicht mit Rotwein harmonieren. „Der Gast sucht sich aus, was ihm schmeckt, wenn er möchte, beraten wir ihn.“ Dann werde etwa über die Herkunft des ausgewählten Tropfens erzählt oder über die Herstellung. Glauben: „Man kann einem Gast doch nicht einen persönlichen Geschmack aufzwingen.“

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